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| Die Bedeutung des Widerstandes gegen den Giftmüll in Neapel |
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| Geschrieben von: Dr. med. Günther Bittel |
| Samstag, den 19. Januar 2008 um 12:55 Uhr |
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Allein in den letzten drei Jahren lud die Maffia mit Unterstützung staatlicher Stellen und italienischer Unternehmen eine Million Tonnen Giftmüll aus der Industrie in der Region rund um Neapel ab, vermischte sie mit Haus- und anderem Müll und verscharrte sie auf illegalen Deponien. Damit wurde die ganze Region um Neapel großräumig verseucht. Mit Dumpingpreisen hatte die Maffia andere Entsorger bzw. die öffentliche Hand unterboten und sich dann das Geschäft gesichert. Die EU hatte 500 Millionen Euro extra zur "Lösung der Müllprobleme" zur Verfügung gestellt, die damit auch in den Taschen der Maffia landeten, insgesamt geht es um ein lukratives Milliardengeschäft. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft in Neapel Ermittlungen über den Zusammenhang zwischen hohen Tumorraten und den illegalen Müllkippen in der Region aufgenommen. Nach Statistiken der Gesundheitsbehörden sind die registrierten Krebsfälle in der Region Kampanien in den letzten 15 Jahren um 84 Prozent gestiegen. Seit Anfang Januar entwickelt sich in Neapel der Massenprotest gegen die Wiedereröffnung der bereits 1996 geschlossenen Müll-Deponie im Vorort Pianura. Starke Polizeikräfte gingen gegen die Blockaden der Anwohner mit Tränengas, Wasserwerfern und Schlagstöcken vor, im Gegenzug wurden Busse angezündet. Am Samstag, 12.1.08, also heute vor 1 Woche, haben in Neapel über 10.000 Menschen gegen die stinkenden Müllberge in der Stadt demonstriert und den Rücktritt des Präsidenten der Region Kampanien gefordert. Es gab zahlreiche Verletzte. In den Strassen von Neapel türmt sich der Müll am Straßenrand, eine unbeschreibliche Situation mit erheblicher Seuchengefahr und Belästigung für die Bewohner. "Es ist schlimm in der Metropole Neapel mit ihren über 4 Millionen Menschen. Die Menschen ersticken im Müll, 120.000 Tonnen sollen es sein, die sich auf den Straßen türmen. Die Presse versucht, den Leuten die Schuld zu geben, die gegen die Wiedereröffnung einer Mülldeponie in Pianura so erbittert protestieren. Aber diese Leute haben nicht die Schuld. Sie kämpfen seit 40 Jahren, damit die Mülldeponie geschlossen wird, die den ganzen Boden verseucht hat. Viele Kinder sind krank geworden, haben Krebs usw. Schuld an dem ganzen Problem hat die Regierung Prodi." Das berichtet Gino aus Kampanien im Süden Italiens an "rf-news". Konkret geht es um Krankheiten wie Karzinome, Leukämien, chronische Atemwegserkrankungen, Herz-Kreislaufkrankheiten, Allergien, Rheuma und andere Immunkrankheiten und auch psychische Erkrankungen, ausgelöst oder verstärkt durch toxische Substanzen. Weiterhin um Fehl- und Missgeburten, plötzlichen Kindstod, Erbgutschäden. Die Gründe für die Proteste sind jedenfalls einleuchtend: Auch auf dieser alten Müllkippe ließ die Maffia für kriminelle Höchstprofite jede Menge Giftmüll deponieren mit der Folge eines rapiden Anstiegs der Todesfälle, Krebserkrankungen und anderer Umwelterkrankungen bei den Bewohnern im Stadtteil. Laut Angabe von Maffia-Experten ist das Müllgeschäft das zweitprofitabelste Geschäft für die Camorra nach dem Drogenhandel. Die italienische Regierung Prodi reagiert nun mit einem "Aktionsplan", der den Bau einer ganzen Reihe neuer Müllverbrennungsanlagen vorsieht und sich zum Ziel setzt, den italienischen Müll im eigenen Land zu verarbeiten, im Gegensatz zu der bisherigen Praxis, den Müll ins Ausland zu exportieren wie z.B. über Tausende Kilometer zu den Müllverbrennungsanlagen in Oberhausen und Kamp-Lintfort. Aktuell wird der Müll vom Militär mit Bulldozern an den sensibelsten Punkten wie um Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser geräumt und auf Frachter nach Sardinien verladen. Daraufhin kam es dort an den Häfen der Ostküste und vor einer Müllentsorgungsanlage ebenfalls zu Bürgerprotesten. Der Einsatz des Militärs wird vordergründig mit Müllentsorgung begründet, dient aber der Unterdrückung der Bevölkerung, die Deponien werden mit militärischer Gewalt eingerichtet. Die Müllmonopole in Deutschland riechen gute Geschäfte. Von 2001 bis 2002 hatte bereits Trienekens (gehört heute RWE) 110.000 Tonnen Abfälle aus Neapel in den MVAs Krefeld, Oberhausen, Essen und Wuppertal verbrennen lassen, mit kilometerlangen Güterzügen durch halb Europa gekarrt. Derzeit werden bis zu 2.000 Tonnen täglich in den MVAs in Bremerhaven und Cöbern/Sachsen verbrannt. Die MVAs in Deutschland sind nicht ausgelastet und gieren nach "Import-Müll". Die "Interessengemeinschaft der thermischen Abfallbehandlungsanlagen in Deutschland" hat nun angeboten, bis zu 200.000 Tonnen Müll aus Neapel zu verbrennen, der italienische Staat zahlt den Transport und bis zu 200€ pro Tonne. Dass es nach den diversen Skandalen um die Deutsche Müll-Maffia inzwischen wieder erstaunlich ruhig geworden ist, seitdem Entsorgungsunternehmer wie ein Herr Trienekens aus Köln rechtskräftig verurteilt sind, hat einen wichtigen Grund: Inzwischen haben große internationale Konzerne wie Remondis, RWE und Vattenfall das Müllverbrennungsgeschäft, jetzt "umweltverträglich" in "Thermische Wiederverwertung" umgetauft, in die Hand genommen. Und es wird die Abfallverbrennung von der Bundesregierung ebenso wie von der EU gefördert, ja, sie wird im Bericht des Weltklimarates geradezu als umweltfreundlich reingewaschen. Grundsätzlich ist aber unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit an jedes Produkt und an jeden Produktionsprozess die Anforderung zu stellen, dass sie sich in eine Kreislaufwirtschaft und eine Recycling- und Wertstoffkette einpassen. Wichtige Argumente für die gegenwärtige Debatte sind:
Zudem ist und bleibt das Verbrennen von Müll und Abfall ein Hindernis für das Vermeiden von Müll sowie für die Entwicklung von Recycling-Technologien, so beispielsweise dem Verbund von Kryo-Recycling (Tiefkälte-Behandlung des Abfalls aus Kunststoffen, Altreifen, Bau- und Elektroschrott), Biologisch-Mechanischen Aufbereitungsanlagen und IMK-Anlagen (Integrierte Methanisierung und Kompostierung) für biologischen Abfall. Hiermit ließe sich hervorragend eine Kreislaufwirtschaft total ohne Müllverbrennung und große Mülldeponien organisieren. So hat der Kampf in Neapel und der ganzen Region nicht nur in Italien, sondern auch international große Unterstützung gefunden. Er ist von großer Bedeutung:
Die Schwächen des Kampfes sind, dass er sehr inhomogen geführt wird, teils mit der Forderung der Müllverbrennung statt Deponierung. Es werden auch aus Italien neue Müllbehandlungsverfahren angeboten, die sich umweltfreundlich und kommunal geben, aber im Endeffekt doch wieder auf Müllverbrennung hinauslaufen. Die fehlende positive Perspektive der Kreislaufwirtschaft total und des Kryo-Recyclings wird jedoch von den Freunden in Italien (CARC und verschiedene Aktivisten des gegenwärtigen Kampfes) aber freudig und begierig aufgegriffen - es besteht ein Bedürfnis nach Vernetzung, Austausch, gegenseitiger Unterstützung. Hier sind wir als Bürgerbewegung gefordert! |





