Infostand beim evangelischen Kirchentag PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Redaktion   
Sonntag, den 05. Juni 2011 um 17:59 Uhr

Einen gemeinsamen Infostand auf dem 33. Evangelischen Kirchentag in Dresden machten der Düsseldorfer Kreis der Solidarischen Kirche im Rheinland, die Coordination gegen Bayer-Gefahren (CBG) und die Bürgerbewegung für Kryorecycling, Kreislaufwirtschaft und Klimaschutz. Die beiden Schwerpunktthemen waren die Kampagne der CBG gegen Bisphenol A (BPA) und die Forderung nach einer umfassenden Kreislaufwirtschaft auf Basis von 100% erneuerbaren Energien bei sofortoger Stilllegung aller AKWs weltweit.

Für beide Unterschriftenlisten wurden in zahlreichen teils langen Gesprächen hunderte von Unterzeichnern gewonnen. Die 9 Aktivisten am Stand wuchsen zu einer prima Truppe zusammen und lernten rasch, kompetent zu beiden Schwerpunkten zu argumentieren. BPA ist das Ausgangsmaterial für Polykarbonate, einem Grundstoff der Kunststoff-Industrie. Reste von BPA bleiben in den fertigen Produkten wie Kinderspielzeug, Baby-Nuckler oder Lebensmittelverpackungen zurück und können so in den menschlichen Organismus gelangen. Dort wird BPA mit Oestrogen verwechselt, es gehört zu den sogenannten endokrinen Substanzen. Die Belastung mit BPA kann somit zu Störung der Gehirnentwicklung bei Kleinkindern, zur Unfruchtbarkeit bei Männern und zu Brustkrebs bei Frauen führen. Seit 1.Juni ist der Verkauf von BPA-haltigen Säuglingsflaschen in der EU verboten. Die Unterschriftenaktion fordert ein umfassendes Verbot in allen Risikoanwendungen.

Die Forderung nach Kreislaufwirtschaft total ist ein Kernanliegen der Bürgerbewegung, es kann realisiert werden durch die Kombination des Kryorecycling (Tiefkälte-Recycling von Altreifen, Elektronikschrott und Kunststoffen nach Professor Rosin) mit Biologisch-Mechanischen Müllaufbereitungsanlagen und sogenannten IMK-Anlagen (Integrierte Methanisierung und Kompostierung, aus biologischen Abfällen wird mit Kraft-Wärmekopplung Strom und Fernwäre gewonnen und Kompost). Die vollständige Umsteuerung auf erneuerbare Energien weltweit ist auf dem jetzt schon erreichten technischen Stand bis 2030 möglich, was auch in einer Studie der Stanford-Universität bewiesen wird. Atomwirtschaft und andere hochgifte Verfahren, die nicht kreislaufwirtschaftsfähig sind, müssen verboten werden und durch umweltverträgliche Verfahren ersetzt werden. Ganz neue Chancen eröffnet hier die Bionik, eine dialektische Verbindung von Biologie und Technik, mit der in der Natur bewährte Konzepte wie der Spinnenfaden oder der Röhrenknochen in neue technische Anwendungen einfliessen ("Lernen von der Natur"). Auf einer Veranstaltung auf dem Markt der Möglichkeiten am Donnerstag-Nachmittag konnten Uwe Friedrich für die CBG und Dr. Günther Bittel für die Bürgerbewegung diese Thematik ca. 30 interessierten Zuhörern vorstellen, woraus sich eine lebhafte Diskussion ergab. Die Kreislaufwirtschaft ist möglich und überlebensnotwendig für die Menschheit im Angesicht von Klimakatastrophe, chemischer und atomarer Volksvergiftung. Das kurzfristige kapitalistische Profitstreben und die Bindung des kapitalistischen Systems an die fossile Energie- und Atomwirtschaft, an die Ausplünderung von Ressourcen und Naturzerstörung ist nicht mit einer umfassenden Kreislaufwirtschaft vereinbar. Insgesamt war bei der Masse der Kirchentagsteilnehmer eine grosse Politisierung und Aufgeschlossenheit und Engagement vorhanden, für Gerechtigkeit in der Welt und den Schutz von Mensch und Umwelt sich streitbar zu engagieren. Dies ruft natürlich auch entsprechende Gegenkräfte auf den Plan. Über die Fläche von ca. 10 normalen Infoständen hatte sich eine im wesentlichen von RWE-Mitarbeitern getragene Gruppe aufgebaut, die sich ganz bescheiden "Die Arbeitnehmer, Gewerkschafter und Betriebsräte der energieerzeugenden Unternehmen" nannte und unverfroren Werbung für Atomkraftwerke und Kohlekraftwerke mit CCS-Technik machten - als angeblicher Beitrag zum Klima- und Umweltschutz! Während diese offene Provokation auf massive Kritik bei vielen Besuchern stiess, war der Rest der Stände im Umweltbereich eine bunte und vielseitige Mischung. Sie dokumentierten das Umweltengagement gerade auch in der kirchlichen Jugendarbeit. An anderen Ständen wurde neben Wechsel zum Ökostromanbieter die Förderung kirchlicher Entwicklungsprojekte in Entwicklungsländern und Ökokredite vertreten. Es gab zahlreiche Stände von Anti-AKW-Gruppen, ebenso einen Infostand von Diagnose-Funk, einer mobilfunkkritischen Organisation, die ebenfalls beim Umweltratschlag mitarbeitet. Insgesamt konnten zahlreiche neue Kontakte geknüpft und Interesse am Umweltratschlag geweckt werden, verbunden mit der Einladung, sich an der Gestaltung des Programms und des Umweltmarkts zu beteiligen. Die Infostände in den Großzelten waren nur mit Tageskarte (28€) oder Dauerkarte (89€) des Kirchentags zu besuchen, ebenso die grösseren Veranstaltungen, was kritisch angemerkt werden muss. Der gesamte Platz und damit auch der Marktplatz der Möglichkeiten, auf dem unsere gemeinsame Veranstaltung stattfand, konnten dagegen ohne Kartenkontrolle besucht werden. Von vielen als undemokratisch empfungenden wurde die Abschaffung der früheren Regelung, dass auch bei Grossveranstaltungen jeder sich am Saalmikrofon zur Diskussion anstellen konnte, inzwischen darf man nur noch bei einem "Anwalt des Publikums" Zettelchen abgeben, der die dort vorgetragenen Standpunkte und Argumente dann zusammenfasst - oder eben einfach weglässt. So steht die Kirchenführung in dem Spagat, die grossen gesellschaftlichen Konflikte aufgreifen zu müssen, in denen sich viele aktive Kirchenmitglieder auch tatkräftig engagieren, um sie andererseits dann wieder staatstragend entschärfen und versöhnen zu wollen.

[ Zurück ]