Urlaubsbericht aus Italien im Sommer 2004 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Redaktion   
Freitag, den 10. September 2004 um 13:52 Uhr

Acerra: Aktiver Widerstand gegen den Bau einer Müllverbrennungs­anlage

Acerra liegt 15 Bahnminuten nordöstlich von Neapel. Rund 50.000 Menschen leben hier - die Arbeitslosigkeit ist enorm hoch wie in ganz Kampanien, die Lebensbedingungen sind hart. Jahrzehntelang hat die italienische Firma MONTEFIBRE hier - vom Grundstoff bis zum Endprodukt - Kunstfasern produziert und damit (in unheiliger Allianz mit anderen Betrieben des Industriegürtels der Stadt) Böden, Wasser und Luft regelrecht verseucht.

„Es kommt immer wieder vor, dass Schafe ohne Köpfe und völlig missgebildet geboren werden", sagt Maria während unseres Gesprächs im Büro der Basisgewerkschaft S.L.L. (Sindacato Lavoratori in Lotta) in Neapel. Maria, eine kämpferische junge Gewerkschafterin lebt in Acerra und freut sich - wie wir auch - über den internationalen Erfahrungsaustausch und die tief empfundene gegenseitige Solidarität. „Eigentlich dürfte in der Region gar keine Landwirtschaft betrieben werden, die Erde ist total vergiftet", erklärt sie. Während in Italien rd. 17% der Todesfälle auf Krebs und Tumoren zurückzuführen sind, sind es in dieser Region nicht weniger als 34%! Als wir bei unserem Besuch in Acerra LKWs sehen, die tonnenweise Tomaten und geerntetes Gemüse für den Verkauf abtransportieren, bleibt unsere stumme Frage unbeantwortet: wer das wohl essen wird...?

Jahrzehntelange Erfahrung mit massivster Umweltzerstörung und deren verheerenden Folgen sind sicher ein wesentlicher Grund dafür, dass sich die Einwohner der Stadt nun schon seit 1999 aktiv und mit wachsender Entschlossenheit gegen den geplanten Bau einer riesigen Müllverbrennungsanlage wehren. Am Bahnhof stechen uns die mit Protestparolen übersäten Wände und der Mannschaftswagen der Carabinieri ins Auge. „Den Bahnhof hatten wir vor kurzem für 10 Tage besetzt", wird uns dazu später schmunzelnd ein älterer Kollege erklären.

Die Fronten im Kampf gegen die Müllverbrennungsanlage sind ziemlich eindeutig und hart: Während die überwältigende Mehrheit der Leute die Anlage strikt ablehnt und sich am Protest und verschiedenen Formen des aktiven Widerstand beteiligt, will die Firma FIBE Campania in Zusammenarbeit mit dem zur Regionalpräsidenten und Reformisten Antonio Bassolino und der Berlusconi-Regierung das Projekt in jedem Falle durchsetzen. Und FIBE gehört zu keinem Unbedeutenderem als dem FIAT-Konsortium! Für die Durchsetzung der Monopolinteressen wird zunehmend auch der staatliche Gewaltapparat eingesetzt. Ein Rentner, der uns in seinem klapprigen Fiat-Panda ins Industriegebiet fährt, damit wir ein paar Fotos von der Dreckschleuder MONTEFIBRE machen können, erzählt: "Am 29.August gab es einen Polizeieinsatz gegen unsere Demonstration - die Polizisten haben auf jeden eingeschlagen, Frauen, Kinder, Behinderte -sie waren wie die Bestien." (Diese Anspannung in der Stadt bekommen wir in Ansätzen zu spüren, als uns der Werkschutz bei MONTEFIBRE kurze Zeit später auf noch öffentlichem Gelände festsetzt und uns vor die „Wahl" stellt, entweder sofort unseren Film abzugeben oder bei der Polizei zu landen - wir verzichten schließlich auf den Film.).

Zurück in der Innenstadt gesellen wir uns auf der Piazza Castello zu einer Gruppe von rd. 10 Männern, die - unter einem Pavillon, zwischen Plakaten und Transparenten - offenbar nächste Aktivitäten beraten. In einer lebendigen, zuweilen tumultartigen Debatte - italienisch, englisch, mit Händen und kleinen Zeichnungen - berichten wir uns gegenseitig: sie erzählen uns vom Kampf der Bevölkerung gegen die MVA, der Besetzung des Baugeländes, Demonstrationen in Acerra, Neapel und Rom und ihren Kontakten zu Wissenschaftlern, die längst bessere, umweltverträgliche Technologien entwickelt hätten - wir erläutern, dass auch in Deutschland gegen den geplanten Bau von rd. 14 MVAs eine neue Umweltbewegung entsteht. Kryo-Recycling ist den Kollegen noch kein Begriff. Und wir erzählen natürlich von der Montagsdemo-Bewegung, das trifft auf großes Interesse und Anerkennung!

Interessant sind die Parallelen, die immer wieder durch verstehend-wissendes Nicken - mal auf unserer, mal auf italienischer Seite - bestätigt werden. „Il popolo - das Volk trägt in Acerra den Widerstand, unterstützt v.a. von Basiskräften aus sozialen Organisationen, kämpferischen Gewerkschaftern oder ein paar kleinen „sehr linken" Gruppen" erklärt uns ein junger Kollege „während man sich von der Regierung über sämtliche bürgerlichen „Linksparteien" bis zur Gewerkschaftsführung entweder offen für den Bau der MVA einsetzt oder es als „unabwendbares Übel" behandelt". Besondere Wut trifft den „linken" Regionspräsidenten Bassolino, der in -zig Sprüchen und Zeichnungen mit wenig Schmeichelhaftem bedacht wird.

Auch die Erfahrungen mit der Rolle der bürgerlichen Massenmedien sind ähnlich „Meist wurde gar nichts über uns und unseren Widerstand berichtet -und wenn sie jetzt berichten, stellen sie uns dar, als seien wir lauter Terroristen oder Mitglieder der Camorra". Die Erfahrung mit dem Überfall von 1200 Polizisten mit Pferden, Hunden und CS-Gas auf eine Massendemonstration verarbeitet ein älterer Kollege mit den Worten „Sie sagen uns immer, es wäre Demokratie - tatsächlich ist es Diktatur!"

Als roter Faden durchzieht unser Gespräch - zunächst mehr das Gefühl, dann ausgesprochen, dass wir in derselben Kampffront stehen! Da ist die konkrete Seite: so soll die geplante MVA offenbar aus Deutschland geliefert werden (- eine erste Recherche zuhause führt uns z.B. auf EVO, die Energieversorgung Oberhausen(s. Auszug Geschäftsbericht 2003), die zu 5% an FIBE beteiligt ist, während derzeit deutsche Energiemonopole an der Müllverbrennung von importiertem „neapolitanischem Müll" verdienen. Und da ist die Seite, dass der Kampf zur Rettung der Umwelt vor der Profitgier der Monopole international geführt werden muss und dass wir mit unserem gemeinsamen Gegner auch gemeinsam fertig werden müssen. Bevor wir uns trennen und die Gruppe zum Plakatieren für die kommende Demonstration aufbricht, schenken uns Kollegen 2 T-Shirts mit dem aufgedruckten Emblem ihres Widerstands

Eine Spende wollen sie nicht annehmen aber „...wichtig ist, dass ihr unseren Kampf bei Euch bekannt macht - diese Hilfe wünschen wir uns". Der Abschied ist sehr herzlich, wir wünschen uns gegenseitig Erfolg und die Stimmung ist - siegessicher!

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